Politics

Zwei Sichten auf das „Beschneidungsurteil“ von Köln

Dies ist ein Gastbeitrag von Patrick Rauscher. Ich habe meine Meinung zu diesem Thema bereits hier beschrieben. Die Meinungen sind nicht Deckungsgleich.

 

Zwei Sichten auf das "Beschneidungsurteil" von Köln

Der erste Shitstorm ist geschlagen, die erste Aufregung abgeregt. Zum Urteil
selbst habe ich mir Meinung mittlerweile gebildet - doch ob Beschneidungen in
Deutschland verboten bleiben sollten oder nicht (was ja der eigentliche Kern
der Diskussion ist) - dazu habe ich noch keine eindeutige Antwort.

Geschrieben ist der Text vor allem mit Blick auf Marinas Post auf ihrem Blog,
den ich nur absolut empfehlen kann.

Beim ersten - ideologischen - Blick auf die Vorgänge empfand ich das Urteil als
absolut gerechtfertigt: Wer kleinen Jungen ohne Not am Penis rumschneidet,
gehört dafür bestraft. Auch wenn das zur Tradition gehört und Religionsfreiheit
zurecht ein sehr hohes Gut in Deutschland ist.
Wir müssen und dürfen uns zwar nicht aller Traditionen entledigen: Sie geben
uns Orientierung und gehören zur Kultur. Aber wir können (und müssen!) unsere
Bräuche reflektieren und überlegen, ob sie noch zeitgemäß sind. Ein sehr
treffender Spruch dazu stammt aus meiner Pfadfinderzeit: "Wir sollen nicht die
Asche bewahren, sondern die Glut schüren" - Traditionen sind eben nicht immer
konservativ. Viele Beispiele dazu finden sich in der bündischen Jugend als auch
immer wieder bei Burschenschaften. Diese Ausführungen gehen aber über diesen
Blogpost heraus.

Aus dieser Sicht kommend, können wir nun überlegen, was die Folgen eines
Beschneidungsverbots in Deutschland sind. Ein blauäugiger Ansatz wäre jetzt
zu vermuten, dass in Deutschland keine Beschneidungen mehr durchgeführt werden
und Juden und Muslime ihre Tradition niederlegen müssen.
Denkt man nun kurz darüber nach, so wird klar, dass dies nicht passieren wird:
Traditionen, die seit mehreren hundert oder gar tausend Jahren verwurzelt sind,
lassen sich nicht mit einem Urteil beenden.

Viel eher werden beschneidungswillige Eltern nach Möglichkeiten suchen werden,
ihre Jungen trotzdem zu beschneiden. Im besten Fall finden sie dafür eine
Gesetzeslücke, die es ihnen erlaubt, die Beschneidungen regulär fortzuführen.
Damit würde sich die Situation zwar nicht verbessern, aber zumindest auch nicht
verschlimmern.
Schauen wir also nach den anderen Möglichkeiten. In grenznahen Gebieten können
Eltern ins Ausland ausweichen. Auch hier wäre weder eine Verbesserung, noch
eine Verschlechterung erreicht (wenn man annimmt, dass diese Ärzte ähnlich gut
qualifiziert sind wie die Ärzte in Deutschland, wovon aber vermutlich auszugehen
ist).
Doch was wäre, wenn die Beschneidung tatsächlich wirksam verhindert würde? Dies
wäre z.B. abseits der Grenzen oder bei Grenzsperrungen der Fall. Ich nehme an,
dass sich die Eltern auch in diesen Fällen die Beschneidung nicht untersagen
lassen würden. Entweder sie finden einen Arzt, der das Verbot ignoriert, der
dabei nicht nur eine Strafe, sondern auch ein Berufsverbot riskiert. Viel
wahrscheinlicher ist daher, dass sich jemand ohne ausreichende Ausbildung
findet, der die Beschneidung trotz Verbot durchführt. In diesem Fall wird die
Gefahr für das Kind stark erhöht.

Außerdem werden Eltern (und die Religionen, die eine Beschneidung vorsehen)
durch ein solches Verbot von der Gesellschaft vermutlich als Verbrecher und
Kinderschänder angesehen - unabhängig davon, ob sie tatsächlich beschneiden
oder nicht.

Hier ist eine sehr gründliche Abwegung zwischen den Rechten des unmündigen
Kindes und den Traditionen von Religionen nötig. Zumindest kann man hoffen, ob
die Diskussion über die Beschneidung in die Religionen überschwappt und dort
zu einer Reflektion ihrer Riten führt. Damit das möglich ist, darf die Debatte
aber keinesfalls als Angriff auf die Religionen verstanden werden: Eine offene
Diskussion mit ihnen ist umbedingt nötig und _wir_ müssen zeigen, dass wir eben
nicht eine Abschaffung von Religion(en) fordern, sondern sie als Teil des
öffentlichen Lebens gerne sehen.